Hühneraugen zum Verlieben

Hennriette

Das Altsteirer Huhn meiner Freundin hatte einfach ihr Nest verlassen und aufgehört zu brüten. Nachdem die Glucke am nächsten Tag noch immer nicht zu ihrem Gelege zurückkehren wollte, erklärten wir uns bereit die alleingelassenen Eier unserem Seidenhuhn „Mathild“ anzuvertrauen (Seidenhühner sind sehr klein, etwa halb so groß wie Altsteirer Hühner, aber gute Brüterinnen). 

Mathild gab wirklich alles und versuchte die großen Eier (Altsteirer Hühner legen nun mal größere Eier als Seidenhühnchen) unter ihren kleinen ausgebreiteten Flügelchen zu wärmen. Sie wollte das Nest weder zum Essen noch zum Trinken verlassen. Nur ganz selten sahen wir, wie sie sich zum Futter schleppte. Bei den ersten Schritten bekam sie kaum einen Fuß vor den anderen, so als wären diese vom vielen Liegen eingeschlafen. Nach ein paar Häppchen musste sie noch schnell mal „für kleine Hühnchen“ und eilte dann sofort wieder zurück zu dem Gelege.

So brütete sie nun mit Engelsgeduld Tag für Tag und als bereits mehr als eine Woche über den Schlupftermin verstrichen war und noch immer kein Küken das Licht der Welt erblickt hatte, gaben wir bereits die Hoffnung auf und wollten ihr die Eier wegnehmen. Wir vermuteten, dass diese wahrscheinlich bei meiner Freundin zu lange ohne Wärme gewesen waren und sich deshalb die Küken nicht weiter entwickelt hatten. Traurig setzten die Kinder unser silbergraues Seidenhuhn vom Nest und da hörten sie plötzlich ein munteres Piepsen.

Hennriette wollte schlüpfen und sie wollte es jetzt!

Am Ostersonntag wurde unsere geduldige Mathild nun doch noch endlich Mama und was für eine! Bedenkt man, dass auf unserem Hof nicht nur Hühner und Enten, sondern auch Katzen und Hunde leben, so kann man sich vorstellen, dass allerlei Gefahren auf so ein hilfloses kleines „Federbällchen“ lauern. Als sich einmal einer unserer fünf Kater fast lautlos an Mathildis Baby anschlich, plusterte sich das kleine Seidenhuhn sofort gefährlich auf und flatterte mit lautem Gekreische wie ein mutiger Raubvogel auf den jungen Kater zu, um ihr einziges Kind zu verteidigen. Dieser suchte prompt sein Heil in der raschen Flucht und wagte sich kein zweites Mal in die Nähe von Hennriette, da deren Pflegemama sie stets unerschrocken vor allem Unheil der Welt beschützte und ihr nie von der Seite wich.

Wurde es kalt oder regnerisch, krabbelte das Küken schnell unter das warme Gefieder seiner Mama und war plötzlich nicht mehr zu sehen. Sobald es jedoch die menschliche Stimme hörte, die leckeres Futter versprach, streckte Hennriette sofort neugierig ihr kleines gelbes Köpfchen zwischen Mathildis Flügeln hervor um haargenau zu beobachten wo wohl die Schüssel mit dem Kükenfutter abgestellt werden würde. Wie ein geölter Blitz rannte sie dann mit ihrer Mutter um die Wette, um immer als erste an der Futterstelle zu sein. Dabei begnügte sie sich nie damit manierlich vor der Schüssel stehen zu bleiben sondern hüpfte gleich mitten ins frische Futter hinein, um möglichst viel vom Besten zu erhaschen.

Langsam wurden ihr die Menschen so vertraut, dass sie es nicht nur wagte, aus der Hand zu fressen, sondern bei offener Terrassentüre sogar ins Haus zu gehen und nach Futter zu betteln. Manchmal musste Hennriette etwas warten und da machte sie es sich eben auf der untersten Querstange des Kinderhochstuhls bequem und schaute zu, wie die Menschenmutter die Spülmaschine einräumte oder Marlene Hausaufgaben machte.

Mittlerweile ist Hennriette schon größer als ihre Pflegemama und sieht aus wie eine weiße Friedenstaube. Für uns ist sie ein echtes Geschenk des Himmels und wir hätten uns nie gedacht, dass wir sie jemals so lieb gewinnen könnten. Sie überrascht uns immer wieder aufs Neue mit irgendwelchen Streichen. Mal flattert sie, sehr zum Entsetzen ihrer Pflegemama, auf den Walnussbaum und balanciert auf einem dicken Ast und manchmal fliegt sie auf den gedeckten Terrassentisch und schaut, was es da Leckeres gibt. Kaum zu glauben was in so einem kleinen Köpfchen alles vor sich geht.

Meine Freundin wartet noch immer auf ihr Altsteirer Küken, das unser Seidenhuhn für sie ausgebrütet hat. Leider können wir Hennriette noch nicht abgeben, denn sie ist noch nicht so gut erzogen. Sie ärgert noch immer die anderen, weil sie die Futterschüssel für sich allein beansprucht und sich einfach mitten reinsetzt. Auch hat die kleine Altsteirerin bis heute noch immer nicht gelernt sich die Füße abzutreten, wenn sie in die Küche rein rennt oder plötzlich auf Marlenes Bett hoch flattert.

Es ist doch eigentlich selbstverständlich , dass man so ein dreistes, unerzogenes Vögelchen einer ganz lieben Freundin nicht zumuten möchte…

Angela Mayr