Was man in schlechten Zeiten nicht alles für ein paar Mäuse tut …

 

In der linken Hälfte unseres ehemaligen Gartenhauses befindet sich die Hühnerresidenz für unseren stattlichen Hahn Paloma samt seinen Damen Aisha, Sarah, Pauline und Mathild. Die rechte Hälfte dient als Vorratskammer in der sämtliche kulinarische Gaumenfreuden unseres geflügelten Hofstaates gelagert werden. Eines Tages verriet ein äußerst penetranter Geruch meiner empfmdlichen Nase, dass neuerdings auch dieser Teil des Gartenhauses von nicht allzu stubenreinen Hausbesetzern bewohnt wurde und zwar von Mäusen.

Diesen ungebetenen Gästen musste unbedingt Einhalt geboten und eine Lektion erteilt werden. Das war ja wohl klar. Bewaffnet mit allerlei Gerätschaften, wie Besen und Rechen, wollten meine Freundin und ich den Mäusen gehörig auf den Pelz rücken und durchkämmten deshalb systematisch unser Futterlager. Außer unsagbar vielen Plätzen, an denen diese Parasiten ihre übelriechende Notdurft verrichtet hatten, fanden wir jedoch nichts. Wir hatten uns schon auf einen harten Kampf, Aug in Aug mit dem Feind, vorbereitet, doch offensichtlich hatte sich dieser vor Angst versteckt oder feige aus dem Staub gemacht.

Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als unseren Kriegszug einzustellen und stattdessen das Futterlager gründlich zu schrubben und alle Container die nicht mäusedicht waren durch neue zu ersetzen. Alles, was nach ekligem Mäusekot stank und nicht unbedingt gebraucht wurde, flog in hohem Bogen aus der Hütte, um anschließend entsorgt zu werden. Bei unserer Großputzaktion stießen wir auf eine alte Rolle Dachpappe, die im hintersten Winkel an der Wand lehnte. Als wir uns hier hin vorgearbeitet hatten und die vielen Löcher in der Rolle sahen, wollten wir auch dieser „Flügel verleihen“, denn was sollte man mit durchlöcherter Dachpappe noch anfangen?

Kaum hatte ich nach der geteerten Rolle gegriffen, als mehrere Mäuse aus den Löchern stürmten und Ihr Heil in der Flucht nach draußen suchten. Erschrocken ließ ich die Dachpappe fallen, floh ebenfalls aus dem Gartenhaus und versteckte mich neben der Eingangstüre, hinter der ich nach einer Weile hervor lugte. Erst als ich mir ganz sicher war, dass nichts und niemand mehr aus der Rolle springen würde, wagte ich einen zweiten Versuch, ging zur Dachpappe und rollte diese ganz vorsichtig auseinander. Ich hatte eigentlich schon mit dem Schlimmsten gerechnet, aber was hier zum Vorschein kam übertraf meine allergrößten Befürchtungen …

In der Mitte der Dachpappe befand sich ein Nest mit 17 Mäusebabies, die meine Tochter Marlene sofort mit ins Haus nehmen und versorgen wollte. „Auf gar keinen Fall ins Haus!“, rebellierte ich. Jetzt war guter Rat teuer, denn was da vor uns am Boden nur so wimmelte, war nicht der Feind, auf den ich mich mental vorbereitet hatte, sondern jede Menge kleine wehrlose Tierkinder, die sich ängstlich an einander drängten.

Vom Mäusejäger zum Mäusepfleger

Schnell holten wir einen Korb voll Heu in den wir die Kleinen vorsichtig hinein betteten und stellten diesen oben ins Regal der Futterkammer. Hier waren sie erst mal vor unseren Katzen sicher, und wir hofften, dass ihre Mütter sie dort finden und versorgen würden. Marlene musste mir versprechen, dass sie die Mäusekinder, sobald sie groß genug wären, aus der Futterkammer ausquartieren und auf der Wiese freilassen würde.

Nachmittags begann es zu regnen und abends wurde es obendrein auch noch bitter kalt. Marlene schlich leise zur Hütte und spähte vorsichtig durchs Fenster wo sie die kleinen Mäuse allein in ihrem Körbchen sah. Durch unsere Großputzaktion hatten wir deren Mütter nicht nur verscheucht, sondern anscheinend so erschreckt, dass sie sich nicht zurück zu ihrem Nachwuchs wagten. „Wir können sie doch nicht einfach allein in dieser Kälte verhungern lassen!“, jammerte Marlene. Ich gab mich geschlagen und erlaubte ihr die Aufzucht dieser Zwerge in die Hand zu nehmen. Während sie im Internet recherchieren wollte, welches Futter sie dafür benötigte, sollte ich mich schon mal um ein paar Wärmflaschen kümmern, kommandierte sie. Da hatte ich mich wieder mal auf etwas eingelassen! Beste Erfahrungen seien bei der Mäuseaufzucht mit einer Mischung aus Fencheltee und Katzenmilch gemacht worden. Von unserer klassischen Homöopathin erfuhr Marlene, dass die Fütterung der Winzlinge am besten alle 2 – 3 Stunden mit einer Pipette erfolgen sollte und bitte nicht vergessen: nach jeder Mahlzeit die kleinen Bäuche massieren!

Mit einer Engelsgeduld fütterte Marlene alle 2 – 3 Stunden Mäusebaby für Mäusebaby, massierte die winzigen Bäuche, bis sie endlich ihr „Geschäftchen“ machten. „Juhu, Darm funktioniert (jetzt waren wir schon so weit, dass wir uns über Mäusekot freuten!). Der nächste bitte!“. Nach dem Füttern wurden die Kleinen in einen anderen Korb gelegt, in dem bereits eine wohlig warme Wärmflasche auf sie wartete.

Wer hätte das gedacht, dass ich jemals Wärmflaschen für Mäuse vorbereiten würde? Aber wenn man diese hilflosen Winzlinge dann so sieht, wie sie sich mit ihren kleinen Ärmchen an der Pipette festhalten um gierig die warme Milch zu trinken und wenn sie dann nach der Fütterungsprozedur friedlich aneinander gekuschelt in ihrem warmen Körbchen einschlafen, da kann man doch nicht anders als Wärmflaschen herzurichten. Das ist doch wohl klar.

Weil es keinen Strom im Gartenhaus gab, saß Marlene spät abends mit einer Stirnlampe da um die 17 Mäuse zu futtern und zu massieren und während draußen der Regen auf das Dach prasselte las ich, ebenfalls mit Stirnlampe, uns allen etwas aus einem spannenden Roman vor.

Bereits am zweiten Tag bemerkte Marlene, wie sie beim Versorgen der Mäusebabies von zwei kleinen Augen beobachtet wurde, die neugierig hinter der Wandverkleidung hervorlugten. Als sie etwas Hühnerfutter neben sich streute kletterte nach einer Weile tatsächlich eine größere Maus vorsichtig hinter einem Brett hervor und tippelte zu den Körnern. Bei jeder weiteren Fütterung kam sie erneut aus ihrem Versteck und wagte sich jedes Mal bis zu Marlene und den leise quiekenden Mäusebabies heran um das angebotene Hühnerfutter zu fressen und Marlene bei ihrer Arbeit zu beobachten. Als Marlene eines Morgens die Kleinen versorgen wollte erschrak sie, denn es fehlten sechs Babies. Das Nest war weder durchwühlt noch sonst irgendwie beschädigt. Sie zählte mehrmals nach, bettete die Kleinen vorsichtig um und suchte im Heu, aber es blieb dabei, es waren nur noch 11 friedlich schlummernde Mäusekinder im Korb. Wir vermuteten, dass eine Mutter ihre Kinder geholt und in ein anderes Versteck gebracht hatte. Nach einigen Tagen waren auch die anderen verschwunden und Marlene und ich hatten beide plötzich dieses flaue Gefuhl in der Magengegend, das immer dann kommt, wenn man jemanden, den man mittlerweile sehr lieb gewonnen hat, vermisst.

Unsere gemeinsamen Abende zusammen mit den kleinen Mäusen in der Hütte waren zwar oft ein wenig trotzdem total schön und eigentlich waren sie das Beste was uns in schlechten Zeiten (verregnete Ferien sind nun einmal schlechte Zeiten) passieren konnte.

Angela Mayr, 2010