Evita – lebendig weggeworfen

SOKO Tierschutz Ermittler brachten uns ein kleines Hühnchen, das sie in der Mülltonne einer Hühnermastanlage gefunden hatten. Es lag zusammengekauert auf einem Berg von Hühnerkadavern.

Text: Angela Mayr, 2013
Bilder, außer den extra gekennzeichneten: Angela u. Marlene Mayr

Ein großer Müllcontainer in einer Hühnermastanlage. Darin ein Berg von toten Hühnern. Obenauf ein kleines Hühnchen, das noch lebte. Um die Belästigung durch den Verwesungsgeruch niedrig zu halten, war die Abfalltonne gekühlt. Wie lange das arme Küken darin schon ausgeharrt hatte, bis die Tierschützer es fanden, wusste keiner. Auf alle Fälle kam es durchgefroren und apathisch auf dem Amaro Hof an. Doch was uns damals am meisten Sorgen bereitete: Es konnte weder stehen noch laufen.

Jetzt galt es, das kleine Wesen erst mal aufzuwärmen und seine Lebensgeister zu wecken. Neben leckerem Futter versuchten wir seine Lebensfreude durch liebevolle Pflege und durch die Nähe anderer Hühner zu steigern. In Windeseile wurde ein separates Ställchen gebaut, mit Sichtkontakt zu unserer Hühnerschar. Das Hühnchen sollte die anderen sehen, aber weil es noch so schwach und hilflos war auf keinen Fall von ihnen attackiert werden. Während der ersten Tage wurde das Kleine auf Wärmflaschen gebettet. Marlene kümmerte sich in ihren Ferien nahezu rund um die Uhr um den kleinen Patienten und wurde für Evita, so sollte das Vögelchen nun heißen, zur perfekten Pflegemama. Sie nahm sich die Zeit, das liegende Vögelchen zu füttern und blieb bei ihm, um es zu beschützen, während all die anderen Tiere vom Amaro Hof kamen, um den Neuankömmling neugierig zu beäugen.

Wieder laufen lernen

Der Tierarzt stellte fest, dass  Evita starke Schmerzen im Hüftbereich hatte. Wahrscheinlich wurde sie an den Beinchen gepackt und in die Tonne geschleudert und hatte sich dabei die Hüfte gezerrt. Unsere Klassische Homöopathin riet, die kleine Henne tagsüber für einige Stunden in einem Säckchen aufzuhängen um so die schmerzende Hüfte zu entlasten und gleichzeitig die Beinchen auf den Boden zu bringen, damit das Küken wieder laufen lernen sollte.

Ich hatte erst Bedenken, ob das Hühnchen in seiner„Hängematte“ die Lydia, Marlenes große Schwester, genäht hatte, womöglich Panik bekäme. Doch Marlene schaffte es mit großer Geduld und noch mehr Liebe, ihren Piepmatz nicht nur an die Hängematte zu gewöhnen, sondern auch noch darin zu füttern. Evita lernte ganz schnell, dass  es etwas Schönes ist, in der Hängematte zu sitzen, denn da gab es besonders leckeres Futter. So wechselte Marlene alle paar Stunden den Aufenthaltsort der kleinen Henne. Die Hängematte wurde an schattigen Plätzchen, aufgehängt, wo Marlene in der Nähe ihre Hausaufgabe erledigte und sich ständig mit ihrem Piepmatz unterhielt. Futter und Wasser waren immer in erreichbarer Nähe.

Alle paar Stunden wurde das Baumeln in der Küken-Hängematte mit Liegen im Gras im eigenen Küken-Gehege abgewechselt, und immer war Marlene in der Nähe. 

Liebe, Lebensfreude und kleine Wunder

So ging es viele Tage. Oft wurde Marlene mitleidig belächelt, wenn die Leute sahen, wie Evita mit vorgestreckten Beinchen unnatürlich da lag (s. oben Bild 2), denn kaum einer glaubte, dass es Marlene jemals schaffen würde das Hühnchen zum Laufen zu bringen, geschweige denn in unsere Hühnerschar zu integrieren. 

Von solch einer Unkerei wollte Marlene aber gar nichts wissen. Sie liebte ihren Piepmatz über alles und es war ihr egal, ob er nun laufen lernen, oder sein Leben einfach nur baumelnd in einer Hängematte verbringen wollte. Entscheidend war, dass Evita Lebensfreude hatte. Und das hatte sie, aber wie! Sobald das Vögelchen Marlenes Stimme hörte, antwortete es mit einem vergnügten Piepen und obwohl es nicht laufen konnte versuchte es Marlene entgegen zu robben (s. oben Bild 3) um sich an sie zu schmiegen. Wenn Marlene ihm dann zärtlich über das Gefieder strich, begann es zu gurren wie eine Taube. Oft versuchte es sogar, sich auf dem Boden zu wälzen um ein Sandbad zu nehmen, wie die anderen Hühner. Die homöopathischen Kügelchen fraß Evita problemlos aus der Hand. 

Eines Tages kam Marlene total aufgeregt ins Haus gestürmt und rief völlig
außer Atem: „Mama es steht!“  Als wir gemeinsam hinaus rannten, wackelte uns eine fröhlich piepsende Evita entgegen, zwar immer nur ein paar Schrittchen, dann musste sie sich wieder auf dem Boden ausruhen. Aber immerhin! JUHU! 

Der Beginn eines neuen Lebens

Jetzt begann ein ganz neues Leben, denn gemeinsam mit unserem Hund Rufus wurde nun der Garten erforscht und im Gras unaufhörlich, wie ein Staubsauger,  nach Körnern und Würmern gesucht. Wenn wir morgens den Evita-Stall aufmachten, wurden wir von einem ungeduldigen Hühnchen erwartet, das darauf brannte draußen herum laufen und scharren zu dürfen.

Evita nahm leider sehr schnell an Gewicht zu und wog in kürzester Zeit mehr als der kleine Hund meiner Tochter Lydia. Das Laufen wurde plötzlich beschwerlicher und als sie eines Tages auf Marlenes Zuruf nur noch schwerfällig, wie Frankensteins Monster, auf sie zu wackeln konnte, reduzierten wir die Körner-Futtermenge und gaben ihr zusätzlich frisches Gras abends in den Stall. So bekam Evita neue Freunde, denn das frische Gras in der Hühnervilla „EVITA“ interessierte auch unsere Kaninchen, die bei ihr ohne Weiteres mitfressen durften. 

Wir erfuhren, dass Masthähnchen wie unsere Evita oft extra mit Schilddrüsen-Problemen gezüchtet werden, damit sie unter Heißhunger leiden, ständig fressen und so in kürzester Zeit Fett ansetzen, was dazu führt, dass die Beinchen das unnatürlich hohe Gewicht nicht mehr tragen können und die Hüfte sich auseinander spreizt. Die Tiere werden dann oft in den Mastanlagen bis zum Schlachttag liegend weitergemästet.

Wir achteten darauf, dass Evita viel Auslauf hatte. Das Körnerfutter verstreuten wir im ganzen Garten, damit sie immer marschieren und sich ihr Futter selber suchen musste.

Fürs Herlaufen bekam sie ein paar Körnchen als  Belohnung, die sie sich selbst abholen musste. Das machte Evita sichtlich Spaß, und egal wo Marlene im Garten hinlief, Evita folgte ihr auf Schritt und Tritt und kam sofort auf Zuruf, um aus ihrer Hand zu fressen.

Huhn im Haus

Sobald die Terrassentüre offen stand war Evita schon im Haus und suchte nach Marlene mit den Leckerchen. Piepsend rannte sie dann zum Küchenregal, wo die Dose mit den Körnern und Sonnenblumenkernen stand. „Umsonst gibt es gar nichts!“ meinte dann Marlene „erst wird was gemacht, dann gibt es eine Belohnung!“ und so lernte Evita, genau wie es Rufus lernte, Platz zu machen: Mit viel Geduld, freundlicher Stimme, klaren Handzeichen und Leckerchen als Belohnung.

Im Haus entdeckte Evita aber auch noch das Futter anderer Tiere und lud sich bei Kater Sergio sehr gerne selber zum Essen ein, was dieser tatsächlich auch noch duldete. 

Das wichtigste in Evitas Leben aber war Marlene. Es war unglaublich, aber sobald sie Marlene hörte kam sie nicht angelaufen, sondern angerannt. Manchmal stand sie gackernd vor der Gartentüre und wartete, bis ihr aufgemacht wurde, um dann ganz schnell zu ihr zu gelangen, wo sie sich dann auf einem Handtuch neben sie setzte, während ihre Pflegemama Hausaufgaben machte oder im Internet recherchierte. Wenn sich Marlene zum Ausruhen auf einer Decke auf den Boden legte, versuchte Evita unter Marlenes Haare zu krabbeln, wie kleine Küken, die unter den Federn ihrer Mütter Schutz suchen. 

Leider wurde Evita nicht einmal ganz 1 Jahr alt. Wenn ich bedenke, wie viel Schönes wir gemeinsam in der kurzen Zeit mit ihr erleben durften und wie Marlenes kleiner Piepmatz unser aller Leben allein durch seine Anwesenheit bereichert hat, dann tut es mir in der Seele weh wenn ich mir klar mache, wo Evita eigentlich her gekommen ist: aus einer Mülltonne, lebendig weggeworfen.

 

Es schnürt mir das Herz zusammen bei dem Gedanken an all das Leid, das Hühner in Mastanlagen ertragen müssen. Hühner sind ebenso beseelte Wesen wie Hunde und Katzen und fühlen wie wir alle Freude und Schmerz.

Das Leid, das den Tieren in Mastanlagen zugefügt wird, ist unbeschreiblich und kaum in Worte zu fassen. Evita kam aus einem Betrieb in dessen Halle 80.000 Hühner gepfercht waren, die kaum genug Platz fanden sich umzudrehen (Fotos links). In dieser Hölle lagen verstreut schwerverletzte Tiere, die vergeblich auf Hilfe warteten (s. Foto rechts). Bilder: soko-tierschutz/fm

 

Jeder kann helfen

Egal ob Vegetarier oder nicht, eins verbindet uns: wir sind alle Menschen und deshalb sollten wir gemeinsam Menschlichkeit und Zivilcourage zeigen wenn wir Lebewesen so furchtbar leiden sehen. Jeder von uns kann helfen, diese grausamen Missstände zu ändern, indem er keine Hühnchen mehr aus Massentierhaltung kauft, oder noch besser erst gar keine mehr isst. Und  vor allem kann jeder seinen Freunden, Kindern und Enkeln die Geschichte von Evita erzählen, die auf dem Amaro Hof das Laufen gelernt und allen die sie kennenlernen durften ganz viel Freude bereitet hat.

Medikamente und deren Auswirkung

Wenn man auf engstem Raum im eigenen Kot zwischen kranken und toten Tieren dahinvegetieren muss, ist ein Überleben oft nur mit Medikamenten (Antibiotika etc.) möglich. Viele Medikamente, die Tiere in Mastanlagen erhalten, werden letztendlich von den Menschen mitgegessen und reichern sich dann im Körper an, was neben anderen Leiden oft zu heftigen Hautreaktionen führt.

Gesünder durch fleischlose Ernährung

Vor 15 Jahren konnte ich mir gar nicht vorstellen, jemals fleischlos zu leben. Mittlerweile koche ich nur noch vegan und freue mich riesig, dass nicht nur meine Tochter und ihr Freund sondern auch mein Mann alles gerne mitessen und sogar selber neue Rezepte suchen und ausprobieren. Einige Monate nachdem ich damals meine Essgewohnheiten endgültig umgestellt hatte (ich brauchte mehrere Anläufe bis zum Vegetarier und noch mehr zum Veganer), bemerkte ich, dass sich meine Haut positiv veränderte. Seit über 50 Jahre litt ich nämlich an Schuppenflechte (s. Fotos) die mit der Essensumstellung nun gänzlich verschwunden ist. Für mich ist dies ein riesengroßes Geschenk, für das ich sehr dankbar bin, denn mein ganzes Leben traute ich mich weder zum Baden noch in die Sauna.

Leistungsfähigkeit und vitaleres Aussehen

Ich fühle mich als Veganerin einfach wohler, bin leistungsfähiger und wegen meiner gesünderen Haut viel selbstbewusster. Immer wieder höre ich von Freunden und Bekannten, dass ich jünger aussehe und viele glauben mir gar nicht, dass ich bereits Oma von 3 Enkeln bin und schon auf die „60“ zu gehe. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass eine ausgewogene vegane Ernährung sich äußerst positiv auf Körper, Geist und Seele auswirkt.

Bild: Michael Bertele