Hahnibal

Ein Hahn kommt über die Alpen und erobert die Herzen.

Eingepfercht in einem Tiertransporter überquerte Hahnibal die Alpen und sollte gemeinsam mit 10.000 anderen Bio-Masthühnchen aus der Schweiz in Deutschland
geschlachtet werden. „Von guten Mächten wunderbar behütet“ entkam er auf unerklärliche Weise seinem grausamen Schicksal und wurde von einer jungen Dame unweit des Tiertransporters aufgelesen und mit nach Hause genommen.

Text: Angela Mayr 2014
Bilder, außer den extra gekennzeichneten: Angela u. Marlene Mayr 

Der kleine weiße Vogel fühlte sich in ihrer Wohnung sofort wohl und folgte seiner Retterin auf Schritt und Tritt. Er flatterte ihr sogar auf den Schoß und auf ihre Schultern und kuschelte sich abends  zu ihr aufs Sofa.

In kürzester Zeit hatte die junge Frau das Hühnchen sehr lieb gewonnen, war sich aber bewusst, dass Hahnibal, so sollte der tapfere Kerl nun heißen, nicht auf Dauer in einer Stadtwohnung  leben konnte und suchte deshalb nach einem schönen Plätzchen für ihn. Einige Tage später kamen beide zu uns auf den Amaro-Hof, um sämtliche gewünschten Serviceleistungen zu besprechen, die in unserer Hühnchenvollpension unbedingt enthalten sein mussten.

Vollpension mit Extras

Die Dame stellte außergewöhnlich hohe Ansprüche an die neue Unterkunft ihres geretteten Schützlings, denn er sollte nicht nur artgerecht leben dürfen, sondern wenn möglich auch noch eine eigene kleine Hühnerschar bekommen. Als Einstreu würde sie Stroh bevorzugen, es wäre aber auch schön, wenn das Hühnchen zusätzlich noch eine eigene Decke und vielleicht noch ein eigenes Kuschelkissen bekommen könnte, denn an ein derartiges Nachtlager hatte sie ihn bereits gewöhnt und es hatte ihm tatsächlich auch sehr zugesagt. 

Auf alle Fälle sollte Hahnibal von seinem jetzigen Lebensstandard keine allzu großen Abstriche machen müssen. Spätestens jetzt war mir klar: die Frau meinte es ernst! Okay, wir können aber auch anders und so setzten wir noch eins oben drauf. Wir boten ihr an, dem kleinen Kerl abends zusätzlich noch eine Wärmflasche in seinen Stall zu legen, bis wir ein geeignetes Hühnchen als Partner für ihn gefunden hätten. So wurden wir schließlich handelseinig und das Vögelchen zog noch am selben Tag bei uns ein.

Hahnibal wohnte vorläufig noch allein, aber immerhin teilmöbliert mit Kissen und Wärmflasche. Seine Retterin wollte sich selber um einen passenden Kameraden für ihn kümmern und nahm deshalb mit mehreren Hühnerbesitzern Kontakt auf. Um dem Kleinen die Langeweile etwas zu vertreiben setzten sich nachmittags die Mädchen zu ihm ins Gehege. Was durchaus auch in seinem Sinne war. Aber die Tage und Nächte allein in Stall und Garten waren trotz Wärmflasche und Kuschelkissen doch sehr einsam.

Leider war der neue Lebensabschnittsgefährte nicht so schnell gefunden, man wollte ja nichts verkehrt machen und bekanntlich braucht „gut Ding nun einmal Weile“. Davon wollte Hahnibal allerdings jetzt nichts mehr wissen. Es dauerte ihm einfach viel zu lange und Geduld und Schicksalsergebenheit waren nicht unbedingt seine Stärken. So beschloss er seine Eingliederung in den hiesigen Tierbestand des Amaro Hofes selbst in die Hand bzw. Kralle zu nehmen und flog einfach über den Zaun zu den anderen. 

Hahnibal nimmt Eingliederung in die „eigene Kralle“

Rani und Horus, seine unmittelbaren Entennachbarn, die ebenfalls ein weißes Federkleid trugen, kannte er ja schon und nichts war naheliegender als sich diesen „Artgenossen“ an die Fersen zu heften. Spätestens am Teich gab es da allerdings ein kleines Problem, denn die beiden Enten begaben sich dort ins Wasser.  Waren diese Vögel etwa lebensmüde geworden? Aufgeregt piepsend und flatternd lief Hahnibal am Teich entlang. Kondition war für ihn kein Fremdwort, denn die hatte er in der Tat, aber nach einem derartigen Marathonlauf ist auch der sportlichste Hahn total ausgepowert. 

Als das seine Retterin erfuhr, standen sofort – und wenn ich sage sofort, dann meine ich auch sofort – zwei Hühnerdamen zur Auswahl. Wir sollten mit entscheiden, welche der beiden nun die neue Mitbewohnerin werden sollte. Wir wählten einen gleichaltrigen „Hühner-teenager“ aus. In drei Tagen sollte das kleine Hühnchen zu uns gebracht werden.

Kreativer Zeitvertreib für Halbstarke

Hahnibal wäre nicht der gewesen, der er nun einmal war, wenn er nur einfach dagesessen und auf bessere Zeiten gewartet hätte. Er wollte mit seinen 9 Wochen seine Jugend voll genießen und alles ausprobieren.
Deshalb stürzte er sich in jedes Abenteuer, das sich ihm bot. Da gab es zum Beispiel Grenzen, nicht nur Zäune, sondern auch solche, die andere Tiere setzten. Das Spannende daran war zu erforschen, welche und vor allem wie man/Hahn diese überschreiten konnte. Ein äußerst interessanter Zeitvertreib für pubertierende Hühnchen. Hahnibal hatte herausgefunden, wie er über die kleineren Zäune fliegen konnte um an jedes beliebige Futter zu gelangen. Und dann noch etwas ganz Spannendes: wie konnte Horus am besten geärgert werden. Dies läuft folgendermaßen ab: Man setzt sich einfach mitten in den Durchgang zum Bachlauf und lässt niemanden passieren und schon gleich gar niemanden, der auch noch dort im Wasser schwimmen will und ungefähr fünfmal so schwer ist, wie ein vor dem Schlachten gerettetes Masthähnchen. Dieser Trick funktionierte allerdings nur bedingt und kurzzeitig, denn irgendwann war es Horus zu dumm. 

Wie mit einem gewaltiger Greifarm packte er mit seinem großen Schnabel zu, nahm den zappelnden und lauthals schreienden Hahnibal ohne große Mühen hoch in die Luft und setzte ihn einfach neben dem Eingang wieder ab, um in aller Seelenruhe durch die Türe Richtung Bachlauf weiter zu watscheln.

Der große Tag

Zwei Tage später war es dann endlich so weit:
„Adele“ ein neun Wochen altes Zwerghühnchen zog in ein abgetrenntes Nebenzimmer bei Hahnibal ein. 

Sie war von Anfang an ein aufgewecktes Plaudertäschchen, das ohne Unterbrechung zwitscherte und sang. Trotz gleichen Alters war der kleine Hühnerteenager nicht halb so groß wie das gerettete Masthühnchen. Von Statur aus war es zwar sehr zierlich, aber die äußere Erscheinung, ihr wildfarbenes Federkleid und das dominante Auftreten, erinnerten an einen gewaltigen Steinadler. 

Für Hahnibal war sie genau die Richtige. Er versuchte ihr immer zu zeigen wo es seiner Meinung nach lang ging, und sie machte ihm daraufhin stets klar wo sie eigentlich gerne hin wollte. Wie es eben so ist, im richtigen Leben. Zum Glück hatte Hahnibal diese gemütliche, nachgiebige Art, die man den Schweizern ohnehin nachsagt und so wurden die beiden in Kürze nicht nur ein perfektes Team sondern ein unzertrennliches Paar! 

Obwohl  die zwei äußerlich sehr unterschiedlich sind haben sie doch viele Gemeinsamkeiten, vor allem die Freude an einem artgerechten Leben mit viel Auslauf in netter Gesellschaft.

Gemeinsam sind wir stark…

Übrigens: Adele ist ebenfalls für viele Streiche zu haben. Beispielsweise findet sie es ebenso lustig, gemeinsam mit Hahnibal ab und zu den Durchgang zum Bachlauf zu versperren …

Das Schicksal hatte es mit Hahnibal gut gemeint, aber was geschah mit den übrigen 9999 Bio-Hühnern?

Den übrigen 9999 Bio-Hühnern des Tiertransportes erging es damals leider wie all den anderen Masthühnchen, die täglich in Schlachtfabriken zu 100.000en grausam getötet werden. 

Bereits auf dem Weg zum Schlachthaus kommt es oft zu Verletzungen, weil die Hühner wie Gemüse in Kisten gepackt und eng aneinander gepfercht transportiert werden. Geht die Fahrt ins Ausland, leiden die Tiere auf dem langen Weg zusätzlich Hunger und Durst. 

Vor Ort hängt das Personal die Hühner dann mit den Beinen an Halterungen eines Förderbands, mit dem sie ihrem Tod entgegen fahren. Beim Tempo der Maschinen muss alles schnell gehen, so dass es auch hier immer wieder zu Verletzungen kommt. 


Nur wer „mitspielt“ wird betäubt

Die erste Station des Förderbands ist das Elektrowasserbad, das der Betäubung dienen soll. Dies funktioniert aber nur, wenn die Tiere „mitspielen“ und ruhig hängen bleiben. Leider bäumen sich viele in ihrer Todesangst auf, dadurch taucht der Kopf nicht unter und so bleiben sie UNBETÄUBT! Zur Überprüfung ist kaum Zeit und so müssen alle, die noch wach sind, aber sich nicht auffällig genug verhalten, die weiteren Stationen bewusst miterleben. Als nächstes kommt der maschinelle Halsschnitt, denn die Hühner sollen während ihrer
Bewusstlosigkeit ausbluten. Dieser klappt allerdings nicht bei jedem, denn manche Tiere werden z. B. aus anatomischen Gründen nicht komplett erwischt. Wenn den Mitarbeitern ein misslungener Schnitt auffällt, schneiden sie per Hand nach. Aber leider fehlt es auch hier zur gewissenhaften Überprüfung meist an Personal und Zeit. Was in der Eile übersehen wird, ist für die Tiere fatal, denn nun geht es in das Brühbad. Wer jetzt nicht richtig betäubt und rechtzeitig ausgeblutet ist, stirbt einen noch grausameren Tod. Ein Schlachthof-Mitarbeiter berichtete uns sogar, dass er lebenden Hühnern unmittelbar vor der Brühstation die Köpfe abgerissen hatte, weil er es nicht mehr mitansehen konnte, wie unbetäubte Tiere bei vollem Bewusstsein ins heisse Brühbad kamen. 

Dass unter den gegebenen Umständen all diese Fehler passieren ist menschlich, aber für die Tiere nicht zumutbar. Vieles muss sich dringend ändern, z. B. die Schlachtzahlen und die Geschwindigkeit, die personelle Besetzung, die Arbeitszeiten und Bezahlung der Mitarbeiter, der Einsatz unabhängiger Tierärzte an allen Stationen zur Überprüfung der Bewusstlosigkeit, die Maschinen… Aber auch der Staat ist gefordert was die Subventionierung angeht.

Jeder kann helfen

Egal ob Vegetarier oder nicht, eins verbindet uns: wir sind alle Menschen und deshalb sollten wir gemeinsam Menschlichkeit und Zivilcourage zeigen, wenn wir Lebewesen so furchtbar leiden sehen. Hühner sind genauso beseelte Wesen wie Hunde und Katzen und empfinden wie wir alle Freud und Leid. Jeder von uns kann helfen, diese grausamen Missstände zu verändern, indem er beispielsweise keine Hühnchen aus Massentierhaltung kauft, sich einsetzt für eine Schlachtung ohne grausame Qualen oder noch besser erst gar keine Tiere mehr isst. Und  vor allem kann jeder die Geschichte von Hahnibal weitererzählen, der es schaffte zu überleben und allen, die ihm begegnen, viel Freude bereitet.